Veronika Ziegelmayer

    Warum tue ich mir das an?

    Zwei Gipfel – und eine Wanderung, die ganz anders gelaufen ist als geplant

    Gipfelkomposition mit Zugspitzkreuz, Stirnlampe, Wanderstöcken, Handtuch und dem Satz „Es ist genug da“.
    Dieses Bild wurde mit KI erstellt.

    Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade „Warum tu ich mir das an?“.

    Ich liebe die Berge aus der Distanz.

    Das habe ich auf der Rückfahrt zu Daniel gesagt und am nächsten Tag noch einmal zu Sebastian. Und eigentlich stimmt es auch. Ich fahre lieber Fahrrad und mein Element ist das Wasser. Ich hatte vorher kaum Wandererfahrung und schon gar keine Erfahrung mit so einer Strecke. Mehrtägige Wanderungen reizen mich überhaupt nicht.

    Und trotzdem habe ich mich für die „Zwei Gipfel“ angemeldet.

    Ein paar Tage nach der Tour kam sogar der Gedanke: Vielleicht gehe ich nächstes Jahr wieder mit.

    Ja. Warum tue ich mir das an?

    Die Zugspitze allein wäre für mich kein Grund gewesen. Mich hat diese Kombination gereizt: der äußere Gipfel, also tatsächlich auf die Zugspitze zu gehen, und der innere Gipfel. Jeder von uns hatte ein eigenes Thema, mit dem er sich auf dem Weg beschäftigen wollte.

    Mein Thema war Mangel, vor allem in Bezug auf Geld.

    Ein Vorschlag von Sebastian war, 1.000 Euro in bar mitzunehmen. Hunderter und Fünfziger, also wirklich Geld, das ich sehen und anfassen konnte. Und mit dem ich unterwegs auch bezahlen sollte.

    Für die einzelnen Etappen hatte Sebastian Zettel vorbereitet, jeweils passend zu unserem eigenen Thema. Wenn wir an einer Hütte oder an einer anderen Stelle eine kürzere oder längere Pause machten, gab es den Zettel für das nächste Stück. Manchmal war es eine Frage, manchmal eine Aufgabe, manchmal gingen wir zu zweit.

    So waren der äußere und der innere Gipfel miteinander verbunden.

    Am Freitagnachmittag trafen wir uns erst einmal. Nicole und Sebastian kannte ich bis dahin nur aus Zoom, und es war schön, die beiden jetzt wirklich zu sehen und sich auch einfach mal zu umarmen. Miriam kam dazu und wir saßen eine Zeit lang mit Nicole, Sebastian und der kleinen Emma zusammen.

    Ich habe die drei miteinander als sehr liebevoll erlebt, ihren Umgang miteinander und auch diesen Raum, den sie schaffen, ohne bestimmte Erwartungen und Forderungen. Einfach einen Raum, wo man sein kann.

    Das ist für mich schön und gleichzeitig auch ungewohnt, weil bei mir schnell dieses Gefühl kommt: Ich muss irgendwie sein.

    Nach dem Treffen mit Nicole, Sebastian und Emma bin ich mit Miriam noch einkaufen gegangen. Getränke und etwas zu essen für die Wanderung. Wir hatten ja noch einige Stunden vor uns und ich wusste überhaupt nicht, was und wie viel ich unterwegs brauchen würde.

    Später gab es ein gemeinsames Abendessen. Da haben sich auch alle aus der Gruppe zum ersten Mal kennengelernt. Sebastian gab uns noch die organisatorischen Informationen für die Tour, unter anderem, dass wir uns um Mitternacht treffen und dann losgehen.

    Er machte mit jedem von uns noch ein kurzes Interview und stellte ein paar Fragen. An die meisten erinnere ich mich heute gar nicht mehr. Eine ist mir hängen geblieben. Es ging darum, was ich der Veronika nach der Tour sagen würde.

    Meine Antwort war ungefähr:

    Mach dir nicht so viele Gedanken.

    Danach hatten wir noch zwei oder drei Stunden Zeit, bevor wir uns wieder treffen sollten.

    Miriam und ich hatten zusammen ein Zimmer in der Jugendherberge und haben noch überlegt, ob wir gleich duschen oder erst kurz vor dem Start. Wir haben uns dann für kurz vor dem Start entschieden und vorher versucht zu schlafen.

    Ja, versucht, auf Befehl zu schlafen.

    Ein bisschen habe ich tatsächlich geschlafen. Danach sind wir duschen gegangen, haben uns fertig gemacht und um Mitternacht ging es los.

    Mitternacht in Garmisch-Partenkirchen

    Wir starteten gegen Mitternacht am Bahnhof.

    Die erste Herausforderung kam ziemlich schnell, und mit der hatte ich vorher überhaupt nicht gerechnet: die Dunkelheit.

    Ich hatte keine Stirnlampe dabei. Ich war davon ausgegangen, dass sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Im Wald hat das nicht wirklich funktioniert. Es war einfach schwarz. Ich konnte kaum etwas erkennen.

    Miriam lieh mir ihre Stirnlampe und damit habe ich mich sehr viel sicherer gefühlt. Die hatte ich dann auch auf, bis es langsam dämmerte.

    Auch sonst war einiges an meiner Ausrüstung geliehen. Der Rucksack, die Wanderstöcke. Ich besitze solche Sachen nicht und wollte mir für eine Wanderung auch nicht gleich alles kaufen.

    Irgendwann kamen im Wald diese Stufen. Eigentlich keine Treppe, wie man sie sich vorstellt. In den Weg waren Holzbalken eingelassen und dadurch entstanden zum Teil ziemlich hohe Stufen.

    Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie anstrengend das für mich wird. Ich hatte Mühe, diese Stufen hochzukommen.

    Am Anfang hatte ich die Zettel von Sebastian noch gelesen und konnte mit den Gedanken und Fragen auch etwas anfangen. Ungefähr ab diesen Stufen brauchte ich meine Aufmerksamkeit aber immer mehr fürs Gehen. Wie komme ich die nächste Stufe hoch? Wo trete ich hin? Wie geht der Weg weiter?

    Die Gedanken von den Zetteln waren nicht weg. Sie waren irgendwie im Hintergrund. Ich war einfach immer mehr mit dem Weg beschäftigt.

    Mit Tobias und Lea unterwegs

    Bei einer der Übungen ging ich mit Tobias. Derjenige, der erzählte, trug eine Maske und der andere hörte einfach nur zu, ohne zu antworten oder zu kommentieren.

    Ich fand diese Form der Übung sehr schön, weil durch dieses Zuhören ein Raum entsteht, in dem der andere einfach sprechen kann. In normalen Alltagsgesprächen ist es oft dieses Hin und Her. Einer sagt etwas, der andere antwortet schon, und manchmal spürt man dadurch gar nicht mehr so, was hinter den Worten noch mitschwingt.

    Tobias erzählte viel von der Bundeswehr und davon, wie er dort versucht, seinen eigenen Weg zu finden. Einiges von dem, was er erzählte, hat mich erschreckt.

    Nach einer Weile haben wir mit der eigentlichen Übung aufgehört und uns einfach unterhalten. Tobias blieb weiter neben mir, obwohl er vom Tempo her viel schneller hätte gehen können.

    Bei der nächsten Etappe ging ich mit Lea.

    Meine Aufgabe war, von einem Moment zu erzählen, in dem ich großzügig mit Geld, Zeit oder Kraft gewesen war. Lea erzählte von einem Moment, in dem sie ganz sie selbst gewesen war. Und dieser Moment war bei der vorherigen Übung entstanden, als sie mit Miriam gegangen war.

    Es wurde langsam hell und die Dämmerung gab mir wieder mehr Sicherheit.

    An verschiedenen Stellen habe ich einen meiner Schreie losgelassen. Das mache ich manchmal, wenn ich draußen in der Natur bin und das Gefühl habe, dass niemand in der Nähe ist. Dann kommt so ein Schrei wirklich aus dem tiefsten Inneren. Ich spüre dabei meine Kraft.

    Ich hatte Lea vorher gesagt, dass sie sich nicht erschrecken soll. Danach haben wir darüber gesprochen und sie meinte, sie würde sich so etwas nicht trauen. Ich habe ihr vorgeschlagen, es auch einmal zu versuchen. Sie hat sich erst nicht so richtig getraut und dann habe ich gesagt, wir können es auch zusammen machen.

    Und das haben wir dann gemacht.

    Ich glaube, ihrer war noch nicht ganz so laut. Das war völlig egal. Sie hat es ausprobiert.

    Auch Lea blieb die ganze Zeit an meiner Seite, obwohl sie schneller hätte gehen können.

    Kurz die Füße ins eiskalte Wasser

    An der Rheintalangerhütte machten wir eine längere Pause.

    Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon längere Zeit dieses latente Übelkeitsgefühl. Wirklich viel essen konnte ich nicht. Der warme Tee tat mir gut und die Übelkeit wurde besser.

    Wir sind dort mit nackten Füßen durch das eiskalte Wasser gegangen. Da war so eine kleine Insel, auf der wir dann in der Sonne saßen.

    Da es mir zu anstrengend war, mich auf den Boden zu setzen und dann wieder aufzustehen, hat Tobias für mich eine Bank rüber getragen.

    Einige aus der Gruppe haben mich beglückwünscht, dass ich überhaupt bis dahin gekommen war.

    Und da war auch die Frage: Wie geht es jetzt weiter?

    Zurückgehen war theoretisch möglich. Für mich war es keine wirkliche Alternative. Wir waren inzwischen schon so weit gegangen und allein die Vorstellung, diese ganze Strecke wieder zurückzugehen, hat mich mehr abgeschreckt als weiterzugehen.

    Also ging ich weiter.

    Eigentlich wäre für die nächste Etappe vorgesehen gewesen, dass ich mit Jonas zusammengehe. Ein richtiges Gespräch ist daraus nicht geworden. Die anderen waren schon wieder ein Stück voraus.

    Mit Jonas habe ich überhaupt nicht viel gesprochen. Er ist ein Stück vorausgegangen, hat gewartet und mich dann mit diesem freundlichen Lächeln angeschaut. Das hat mir Kraft gegeben. So sind wir ein Stück miteinander gegangen, ohne Worte.

    Dann ging es fast nur noch nach oben

    Nach der Rheintalangerhütte änderte sich die Strecke.

    Es ging sehr viel bergauf, auf Schotterwegen, teilweise ziemlich steil. Da waren Stellen, an denen ich dachte: Wie soll ich hier hochkommen?

    Die Wanderstöcke waren eine große Hilfe. Trotzdem bin ich immer wieder etwas gerutscht und dann kamen auch diese Bilder: Was ist, wenn ich hintenüberkippe? Was ist, wenn ich abrutsche?

    An manchen Stellen ging es rechts oder links direkt in die Tiefe. Da habe ich einfach nicht hingeschaut. Ich habe mich auf den Weg konzentriert und darauf, wo ich als Nächstes den Fuß hinsetze.

    Ab Mittag kam die Hitze dazu. Wir liefen in der Sonne. Mir war weiterhin übel, ich konnte fast nichts essen und war inzwischen viele Stunden unterwegs.

    Irgendwann hatte ich das Gefühl, nur noch in Trippelschritten zu gehen.

    Mein Körper hat wirklich den Takt angegeben. Ich hätte nicht schneller gehen können. Ich hätte auch nicht anders gehen können.

    Sebastian ging auf diesem Stück die ganze Zeit hinter mir, auch zu meiner eigenen Sicherheit. Wenn Menschen direkt hinter mir gingen, hatte ich außerdem den Gedanken, dass ich niemand anderen gefährden wollte, falls ich abrutsche.

    Und natürlich war mir bewusst, dass ich die Langsamste war.

    Die anderen waren längst weiter vorne. Der Zeitplan, der für die Gruppe vorgesehen war, ließ sich mit meinem Tempo nicht mehr einhalten.

    Der Gedanke war schon da: Ich halte die anderen auf.

    Mir war auch bewusst, dass das für Sebastian und Daniel keine einfache Situation war. Sebastian hatte ja die ganze Gruppe, das Programm und die Übungen. Und da war eben auch meine Sicherheit.

    Nur schneller gehen konnte ich deswegen nicht.

    Es ging nicht.

    Irgendwann sagte Sebastian, dass es einen Plan B gibt. Ich könnte auf der Knorrhütte übernachten und am nächsten Tag die letzte Etappe gehen.

    Das war für mich völlig okay.

    Er fragte mich dann auch, ob ich allein weitergehen könne, damit er wieder zu den anderen geht. Ich war einverstanden und hatte damit auch keine Bedenken.

    Dann war ich eine Zeit lang allein unterwegs.

    Plötzlich kein Zeitplan mehr

    Als ich allein weiterging, habe ich gemerkt, dass das auch etwas Befreiendes hatte.

    Da war jetzt kein Druck mehr, irgendwo zu einer bestimmten Zeit anzukommen oder dass andere auf mich warten. Ich gehe jetzt einfach in meinem Tempo und werde auf der Hütte übernachten.

    Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich allein gegangen bin. Überhaupt hatte ich auf dieser Strecke fast kein Zeitgefühl. Mein Handy war meistens im Rucksack und ich habe nicht auf die Uhr geschaut.

    Einmal habe ich es rausgeholt und ein paar Fotos gemacht. Aber selbst das war mir eigentlich schon zu viel.

    Ich hatte keinen Kopf dafür, schöne Landschaftsaufnahmen zu machen. Ich wollte diesen Weg gehen, mich nicht verletzen und musste schauen, wo ich hintrete.

    Dann kam Daniel zurück, worüber ich mich sehr gefreut habe.

    Er ist ein erfahrener Wanderer und hat an Stellen, an denen ich den Weg kaum erkennen konnte, geschaut, wo wir am besten langgehen. Wenn ich gerutscht bin, hat er mich auch mal von hinten abgestützt.

    Als die Knorrhütte irgendwann zu sehen war, ging Daniel voraus. Er wollte versuchen, an diesem Tag noch die letzte Bahn ins Tal zu bekommen, und hatte vorher in der Hütte Bescheid gesagt, dass ich dort einen Schlafplatz brauche.

    Ich konnte die Hütte schon sehen, aber dieses letzte Stück war noch einmal steil und der Schotter sehr rutschig.

    Kurz vorher war mir ein Pärchen entgegengekommen. Die Frau fragte mich, wohin ich wollte, und ich sagte: zur Knorrhütte.

    Sie meinte, dort gäbe es keine Übernachtungsmöglichkeit mehr.

    Da war sofort die Frage: Was mache ich dann?

    Ich konnte keinen Schritt weiter als bis zu dieser Hütte. Wenn ich dort keinen Schlafplatz bekommen würde, dann schlafe ich eben irgendwo auf einer Bank oder auf einem Stuhl am Tisch. Egal. Von dieser Hütte würde ich keinen Schritt mehr weitergehen.

    Kurz danach bin ich ausgerutscht.

    Ich habe mich nicht wirklich verletzt. Ich war einfach vollkommen erschöpft und konnte nicht mehr aufstehen. Ich saß da und hatte keine Kraft mehr, wieder hochzukommen.

    Eine andere Wandergruppe kam entgegen, fünf Menschen. Einige von ihnen kannten sich im Gelände sehr gut aus. Sie halfen mir beim Aufstehen und zwei begleiteten mich das letzte Stück bis zur Hütte. Dort holten sie jemanden, der mir entgegenkam.

    Als ich ankam, kamen mir die Tränen. Einfach vor Erschöpfung. Ich konnte keinen Schritt mehr und war gleichzeitig glücklich, dass ich angekommen war.

    Unbekannte Nummer

    Ich saß draußen vor der Hütte, trank warmen Tee und mein Magen beruhigte sich langsam wieder.

    Irgendwann klingelte mein Handy. Eine unbekannte Nummer.

    Ich ging dran und Daniel war am Telefon. Er sagte, dass er zurückkommt.

    Als Sebastian mich später im Recap gefragt hat, welcher kleine Moment mich auf der Tour besonders berührt hat, war genau das meine Antwort: dieser Anruf und dass Daniel zurückkommt.

    Auf der Hütte war ein Schlafplatz für mich da. Ich musste also doch nicht auf irgendeiner Bank schlafen.

    Sebastian hatte mir über WhatsApp inzwischen auch die beiden letzten Zettel geschickt. Einer war für die Knorrhütte, einer für später oben. Den zweiten sollte ich noch nicht lesen und das habe ich auch nicht gemacht.

    Auf dem Weg hatte ich die Zettel immer gelesen, aber die Gedanken dazu waren schnell wieder von den nächsten Schritten verdrängt worden. Jetzt saß ich da und es kehrte einfach Ruhe ein. Ich konnte den Zettel lesen und mich wieder mit meinem Thema beschäftigen.

    Nach einer Weile kam Daniel zurück.

    Wir saßen draußen und haben noch etwas gegessen. Ich bestellte Spaghetti Bolognese.

    Fleisch hatte ich schon lange nicht mehr gegessen. In dem Moment war es genau richtig. Es hat geschmeckt.

    Ich habe ungefähr die Hälfte gegessen, dann war es genug und ich habe aufgehört.

    Kann mir jemand ein Handtuch leihen?

    Wir hatten überhaupt nichts für eine Übernachtung dabei. Sie war ja nicht geplant.

    Auf der Hütte konnte man auch nicht mal eben Zahnbürste, Handtuch oder andere Sachen kaufen oder leihen.

    Ich wollte trotzdem duschen.

    Als die anderen Wanderer ihre Sachen in die Schlafräume brachten, bin ich herumgegangen und habe gefragt, ob mir jemand ein Handtuch leihen kann.

    Ich weiß noch, dass ich vorher dachte: Die brauchen ihr Handtuch doch selber. Das macht bestimmt keiner.

    Ein Mann lieh mir seins und von einer Frau bekam ich etwas zum Duschen.

    Drei Minuten warmes Wasser. Das hat sich wunderbar angefühlt.

    Ich hatte ein zweites T-Shirt, ein zweites Paar Socken und eine Leggings im Rucksack und konnte dadurch trockene Sachen anziehen. Das T-Shirt und die Leggings wurden dann eben auch gleich meine Sachen für die Nacht.

    Mein rechter Knöchel machte mir mehr Sorgen.

    Ich war irgendwo auf dem Weg umgeknickt. Solange ich die Wanderschuhe anhatte, konnte ich damit gehen. Als die Schuhe aus waren, merkte ich den Knöchel deutlich.

    Treppen waren schwierig. Ich musste mich am Geländer festhalten und wirklich Stufe für Stufe gehen.

    Da war schon die Frage: Wie soll das morgen funktionieren?

    Geschlafen habe ich trotzdem gut.

    Nur mit dem Helikopter?

    Am nächsten Morgen war der Knöchel nicht wirklich besser.

    Ansonsten ging es mir erstaunlich gut. Kein großer Muskelkater, keine Gliederschmerzen. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.

    Ich hatte am Abend auf der Hütte gefragt, ob es eigentlich eine andere Möglichkeit gäbe, von dort wegzukommen. Die Antwort war: eigentlich nur mit dem Helikopter.

    Auch darüber habe ich kurz nachgedacht. Ich hatte eine Unfallversicherung und überlegte sogar, ob ich nachfragen soll, ob so etwas abgedeckt wäre.

    Wir haben keinen Helikopter gerufen.

    Von einem anderen Wanderer bekam ich eine Ibuprofen. Dann zog ich meine Wanderschuhe an und probierte aus, ob ich gehen kann.

    Ich konnte.

    Also sind wir los.

    Regen, Kälte und glatte Felsen

    Am Tag vorher hatten wir Hitze und Sonne, jetzt Regen, Wind und Kälte.

    Ich behielt meine Leggings an und zog die andere Hose darüber. Den Buff hatte ich um den Hals. Daniel gab mir eine Kappe, weil meine Jacke keine Kapuze hatte. Später zog ich auch noch meine Stulpen über die Handgelenke.

    Wir wurden trotzdem immer nasser.

    Es regnete nicht die ganze Zeit in Strömen. Es war eher immer wieder stärkerer Nieselregen und dazu dieser kalte Wind.

    Wir waren oberhalb der Baumgrenze unterwegs. Da gibt es keine Stelle, wo man sich einfach mal unterstellen kann. Man ist draußen.

    Ich hatte immer wieder so dieses Gefühl: Du musst da jetzt durch.

    Ich hätte mich hinsetzen und sagen können, ich gehe nicht weiter. Das hätte aber nichts gelöst. Am ersten Tag wäre ich in der Sonne sitzen geblieben, am zweiten in Regen und Kälte.

    Gerade diese letzte Etappe war für mich sehr herausfordernd. Die Felsen waren nass und rutschig und manche Stellen sehr steil.

    Eine ziemlich lange Zeit waren wir komplett allein unterwegs. Ich weiß nicht mehr, ob es eine Stunde war oder länger. Uns begegnete niemand und es kam auch niemand von hinten.

    Daniel ging schwierige Stellen voraus, kam zurück, schaute, welchen Weg wir nehmen können und ging dann mit mir weiter.

    Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich mehrere Panikattacken bekommen. Er war auf diesem Stück wirklich meine Rettung.

    Er hätte die Strecke wahrscheinlich in der halben Zeit gehen können und ist bei mir geblieben.

    Pausen konnten wir kaum machen. Sobald wir stehen blieben, wurde uns noch kälter. Wir waren inzwischen nass, der Wind kam dazu und irgendwann konnten wir die Finger kaum noch richtig bewegen.

    Also kurz trinken und weiter. Der nächste Schritt, dann wieder schauen, wo es weitergeht.

    Wie schaffe ich das?

    In meinen ersten Aufnahmen direkt nach der Tour habe ich oft gesagt: Ich dachte, ich schaffe es nicht.

    Ein paar Tage später habe ich gemerkt, dass das nicht ganz stimmt.

    Es gab Momente, in denen ich Angst hatte. Wenn ich gerutscht bin, wenn ich die Tiefe neben mir gesehen habe oder wenn ich vor einer Stelle stand und keine Ahnung hatte, wie ich da hochkommen sollte.

    Dieses grundsätzliche Gefühl, dass ich oben nicht ankomme, war eigentlich nicht da.

    Die Frage war eher: Wie schaffe ich das?

    Wie komme ich über diese Stelle? Hört das irgendwann auf? Wird es wieder leichter?

    Ich hatte oft das Gefühl, es ist keine Kraft mehr da, es geht nicht mehr. Und dann bin ich trotzdem weitergegangen.

    Zurückgehen war für mich die ganze Zeit keine wirkliche Option.

    Vielleicht auch deshalb.

    Der Stein

    Relativ am Anfang der letzten Etappe fragte Daniel, ob ich die Übung machen möchte, die für diesen Teil vorgesehen war.

    Für mich war das gar keine Frage.

    Ich sollte mir einen Stein aussuchen und einen eigenen Satz formulieren. Steine gab es dort in Hülle und Fülle.

    Ich suchte mir einen relativ kleinen Stein aus. Eigentlich sollte er später oben bleiben, glaube ich. Ich weiß es nicht mehr genau. Ich hatte jedenfalls ziemlich schnell das Gefühl: Den nehme ich mit.

    Und da entstand mein Satz:

    Es ist genug da.

    Der Satz stand nicht vor der Tour fest. Er kam erst an diesem zweiten Tag.

    Daniel sagte mir, dass ich ihn mir gerade an den schwierigen Stellen sagen soll. Das habe ich gemacht, immer wieder.

    Es ist genug da.

    Auf einem der letzten Zettel von Sebastian ging es darum, dass es sich auf dem letzten Stück vielleicht so anfühlt, als würde es nicht reichen. Es reicht. Weitergehen im eigenen Tempo.

    Mein eigenes Tempo war zu diesem Zeitpunkt sowieso alternativlos. Schneller ging nicht.

    Und die Übernachtung auf der Knorrhütte gehörte inzwischen eben auch dazu. So war mein Weg jetzt.

    Ich brauchte den Gipfel gar nicht mehr

    Oben angekommen war ich nass und mir war kalt.

    Viel zu sehen gab es wegen der Wolken auch nicht.

    Vor der Tour hatte ich gedacht, dass ich dort oben stehen und unbedingt diese Weite erleben möchte. Vielleicht gerade, weil mir die Enge im dunklen Wald und zwischen den Bergen so unangenehm war.

    Und dann war ich oben und habe gemerkt: Ich brauche es gar nicht.

    Ich hatte keine Lust, noch herumzulaufen und zu schauen, wie es dort überall aussieht. Wir sind auch nicht mit der Gondel noch weiter nach oben zum eigentlichen Gipfelkreuz gefahren.

    Ich hatte einfach nicht mehr das Bedürfnis danach.

    Wir haben etwas Warmes gegessen und danach ging es mit der Bahn nach unten.

    Daniel nahm mich mit dem Auto bis Kirchheim mit und von dort fuhr ich mit dem Zug nach Hause.

    Die anderen aus der Gruppe hatte ich seit dem ersten Tag nicht mehr gesehen. Sie waren weitergegangen, während ich auf der Knorrhütte geblieben war. Deshalb gab es für mich auch keinen gemeinsamen Abschluss mit der Gruppe.

    Präsenz

    Am Montag nach der Tour habe ich mit Sebastian gesprochen. Er fragte mich, welchen Namen ich diesem Tag geben würde.

    Meine Antwort kam ziemlich schnell:

    Präsenz.

    Mein Körper hatte über viele Stunden den Takt angegeben. Ich konnte nicht überlegen, was in drei Stunden sein wird. Oft konnte ich nicht einmal weit nach vorne schauen.

    Es ging um die nächsten ein oder zwei Meter. Wo geht der Weg lang, rechts, links oder geradeaus? Wo setze ich den Fuß hin? Und möglichst nicht auf die Tiefe daneben schauen.

    Ein paar Tage später kam mir dazu das Bild von Beppo, dem Straßenkehrer aus „Momo“. Diese lange Straße, die er nicht als ganze Straße kehrt. Der nächste Schritt. Der nächste Besenstrich.

    So war das auf dieser Wanderung für mich.

    Ich glaube, das war auch ein Grund, warum ich mir die meiste Zeit kaum Gedanken oder Sorgen darüber gemacht habe, was noch alles passieren könnte. Dafür war gar kein Platz. Ich war mit den nächsten Schritten beschäftigt.

    Es war immer genug da

    Der Satz „Es ist genug da“ ist mir in den Tagen danach immer wieder begegnet.

    Auf dem letzten Zettel oben ging es auch um das, was gereicht hatte: die eigene Kraft, der Atem, der Rucksack.

    Und beim Rucksack musste ich wirklich lachen.

    Ich hatte ein zweites T-Shirt, ein zweites Paar Socken und die Leggings dabei. Mit einer Übernachtung hatte ich nicht gerechnet und dann habe ich genau diese Sachen gebraucht.

    Die Stirnlampe war da, obwohl ich selbst keine hatte. Der Rucksack und die Stöcke waren geliehen. Am zweiten Tag bekam ich von Daniel noch die Kappe und jemand hatte eine Ibuprofen.

    Auf der Knorrhütte gab es einen Schlafplatz. Ein Mann lieh mir ein Handtuch und eine Frau gab mir etwas zum Duschen.

    Und dann waren da die Menschen. Tobias und Lea gingen mein Tempo. Sebastian ging auf dem schwierigen Stück hinter mir. Daniel kam zurück.

    Auf dem kurzen Stück, auf dem ich tatsächlich allein unterwegs war und nach dem Ausrutschen nicht mehr aufstehen konnte, kam eine andere Wandergruppe vorbei.

    Es war immer jemand da.

    Ich hatte mir das vorher nicht organisiert. Es war einfach da.

    Und dann waren da noch die 1.000 Euro

    Die hatte ich während der ganzen Tour bei mir.

    Was mich im Nachhinein überrascht hat: Ich habe mir eigentlich kaum Gedanken darum gemacht, ob sie jemand stehlen könnte.

    Ich hatte die Scheine dabei und wenn ich etwas bezahlte, bezahlte ich bar. Ich mochte dieses Gefühl, das Geld tatsächlich zu sehen.

    Da ist was.

    Auch nach der Tour will ich das Bargeld weiter bei mir tragen und vielleicht nach und nach wieder etwas dazulegen.

    Was sich dadurch bei meinem Thema Mangel verändert hat, kann ich noch gar nicht richtig in Worte fassen. Ich merke nur, dass ich anders darauf schaue.

    Und plötzlich denke ich über Knödel nach

    Auch die Spaghetti auf der Knorrhütte sind in den Tagen danach noch einmal aufgetaucht.

    Ich hatte ungefähr die Hälfte gegessen. Dann war ich satt und habe aufgehört.

    Das fällt mir in meinem normalen Alltag nicht immer leicht.

    Und plötzlich kamen Erinnerungen von früher.

    Wir waren eine große Familie. Meine Mutter hat gerade bei besonderen Sachen immer darauf geachtet, dass sie gleichmäßig verteilt werden. Das war in ihrem Sinne gerecht.

    Gleichmäßig heißt allerdings nicht, dass jeder das Gleiche braucht.

    Ich kann mich noch an Knödel erinnern, die etwas Besonderes waren. Da entstand fast so etwas wie ein Wettessen: Wer schafft die meisten?

    Irgendwann ging das weit über das hinaus, was man eigentlich brauchte.

    Wie das alles genau miteinander zusammenhängt, weiß ich noch nicht. Ich bekomme es noch nicht richtig zusammen.

    Aber auch da tauchte dieser Satz wieder auf:

    Es ist genug da.

    Warum tue ich mir das an?

    Warum bin ich mitgegangen? Warum bin ich weitergegangen? Und warum kam ein paar Tage später tatsächlich der Gedanke, vielleicht nächstes Jahr wieder mitzugehen?

    Eine fertige Antwort habe ich nicht.

    Ich liebe die Berge immer noch aus der Distanz und eine mehrtägige Wanderung möchte ich weiterhin nicht machen.

    Was mich reizt, ist diese Mischung aus körperlicher Herausforderung, äußerem und innerem Gipfel und diesem begrenzten Zeitraum.

    Vielleicht kommt nächstes Jahr wieder dieser Gedanke.

    Ich werde sehen.

    Ja, es hat sich etwas verändert.

    Ich werde die Worte dafür finden.

    Hinweis: Sebastian Eisenbürger, der Veranstalter der Zwei-Gipfel-Tour, wird in diesem Artikel mit seinem echten Namen genannt. Die Namen der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer habe ich zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert. Die Zwei-Gipfel-Tour findet auch im kommenden Jahr 2027 wieder statt. Weitere Informationen zum Format findest du hier.