Veronika Ziegelmayer

    „Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind“

    Ein leerer Bahnsteig geht nahtlos in dichten grünen Regenwald über.
    Dieses Bild wurde mit KI erstellt.

    Manchmal höre ich ein Hörbuch ein zweites Mal, weil ich beim ersten Hören das Gefühl hatte, dass mir etwas entgangen ist. Bei „Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind“ von Sabine Kuegler war es anders. Ich hatte das Buch zu Ende gehört und wollte einfach noch einmal zurück in diese Geschichte.

    Vielleicht auch, weil sie so weit von meiner eigenen Lebenswirklichkeit entfernt ist und mir gleichzeitig an erstaunlich vielen Stellen sehr nah gekommen ist.

    Sabine Kuegler wurde in Nepal geboren und kam als kleines Mädchen mit ihren Eltern nach Westpapua. Ihre Eltern waren deutsche Sprachwissenschaftler und lebten dort mit den Fayu, einem Volk, das damals kaum Kontakt zur westlichen Zivilisation hatte. Für Sabine Kuegler war der Dschungel keine fremde Welt, in die sie irgendwann als Erwachsene eingetaucht ist, es war die Welt ihrer Kindheit.

    Sie lernte, sich dort zu bewegen, Gefahren wahrzunehmen, Geräusche zu unterscheiden und mit Sinnen zu leben, die in dieser Umgebung nicht irgendeine besondere Begabung waren, sondern zum Überleben gehörten. Sie lernte auch zu jagen, obwohl das eigentlich den Jungen und Männern vorbehalten war. Viel später, als sie als erwachsene Frau einem Mann mit Pfeil und Bogen begegnet, ist diese Erfahrung plötzlich wieder da. Sie spürt unmittelbar, dass sie wieder jagen will.

    Mich hat beim Hören immer wieder beschäftigt, wie sehr eine Umgebung einen Menschen prägt, bis hinein in seine körperliche Wahrnehmung, in das, was scheinbar selbstverständlich ist.

    Mit 17 Jahren kommt Sabine Kuegler nach Europa und besucht ein Internat in der Schweiz. Eine der Szenen, die mir aus dem Buch besonders im Gedächtnis geblieben ist, spielt unmittelbar nach ihrer Ankunft am Hamburger Bahnhof. Auf ihrer Fahrkarte steht, zu welchem Gleis sie gehen muss, doch sie kennt die Bedeutung für das deutsche Wort Gleis nicht.

    Sie fragt einen Polizisten, weil ein Polizist für sie jemand ist, dem man vertrauen und den man um Hilfe bitten kann. Seine Reaktion auf ihre vermeintlich dumme Frage ist alles andere als freundlich.

    Für fast alle Menschen um sie herum ist vollkommen selbstverständlich, was ein Gleis ist. Niemand käme auf die Idee, dass ein 17-jähriges Mädchen dieses Wort nicht kennt. Sabine Kuegler dagegen steht in einer für sie völlig fremden Welt, wo sie scheinbar selbstverständliche Dinge nicht kennt.

    Gleichzeitig nimmt sie etwas anderes sehr deutlich wahr. Die vielen Menschen, die Geräusche, die Hektik, die Anspannung und Aggression. Ihre Sinne, die im Dschungel gelernt haben, feinste Veränderungen in ihrer Umgebung wahrzunehmen, lassen sich nicht einfach abschalten, nur weil sie jetzt auf einem deutschen Bahnhof steht.

    Sinngemäß beschreibt sie ihre Wahrnehmung dieser westlichen Welt mit einem Gedanken, der bei mir hängen geblieben ist: Das ist Krieg.

    Dieser Gedanke hat sich mir eingeprägt. Vielleicht, weil wir unsere eigene Lebensweise selten von außen betrachten können. Wir wissen, was ein Gleis ist und wie man sich auf einem Bahnhof bewegt, wie man einen Fahrkartenautomaten bedient, wann man wo sein muss und was von uns erwartet wird. Wir haben gelernt, uns in dieser Welt zurechtzufinden.

    Und wahrscheinlich fällt uns deshalb gar nicht mehr auf, wie viel von dem, was wir für normal halten, einfach nur das ist, was wir gewohnt sind.

    Was ist eigentlich normal?

    Im Buch begegnen einem immer wieder Lebensweisen, die von unserer so weit entfernt sind, dass es leicht wäre, sie als exotisch zu betrachten. Mich hat aber zunehmend etwas anderes interessiert.

    Bei den Fayu und den anderen Stämmen ist das Überleben des Einzelnen ohne die Gemeinschaft kaum möglich. Wenn jemand mehr Fische fängt, als er selbst braucht, werden sie verteilt. Besitz anzuhäufen, wie wir es kennen, ergibt unter diesen Bedingungen wenig Sinn. Auch viele Entscheidungen, die wir als Ausdruck persönlicher Freiheit betrachten, stellen sich dort gar nicht in derselben Weise. Fragen, welchen Beruf jemand später einmal ausüben möchte oder wie er sich selbst verwirklichen will, gehören nicht zu dieser Welt.

    Das lässt sich natürlich leicht romantisieren. Gemeinschaft, Naturverbundenheit, Teilen … all das klingt aus unserer heutigen westlichen Perspektive schnell nach etwas, das wir verloren haben und wiederfinden müssten.

    Aber genau das tut Sabine Kuegler nicht.

    Sie erzählt genauso von der Härte dieses Lebens, von Krankheiten, Naturgewalten und Situationen, in denen es tatsächlich ums Überleben geht. Und sie erzählt von Gewalt. Als ihre Familie zu den Fayu kommt, befinden sich verschiedene Gruppen in kriegerischen Auseinandersetzungen miteinander. Menschen werden getötet und die Spirale aus Angriff und Vergeltung bedroht das Weiterbestehen der Gemeinschaft selbst.

    Was dann geschieht, fand ich besonders interessant.

    Die Familie Kuegler wird von den Fayu eingeladen zu bleiben. Es wird hier keine Geschichte erzählt, in der eine westliche Familie einem indigenen Volk Frieden gebracht hat. Denn Sabine Kueglers Eltern kommen nicht dorthin und erklären den Menschen, wie Frieden funktioniert. Sie legen ihnen nicht ihr eigenes gesellschaftliches Modell drüber. Sie bleiben dort, weil die Fayu sie darum gebeten haben. Der Bereich um ihr Haus wird zum neutralen Gebiet erklärt, dort darf nicht mehr gekämpft werden. Daran halten sich die verfeindeten Gruppen. Und nach und nach wird dieser Raum größer, ohne dass darüber ausdrücklich gesprochen oder verhandelt wird.

    Liebe ohne Verklärung

    Beim zweiten Hören ist mir noch etwas viel stärker aufgefallen als beim ersten Mal: die Liebe, mit der Sabine Kuegler von den Menschen in Papua-Neuguinea erzählt.

    Ich meine damit keine romantische Liebe zu einem vermeintlich ursprünglicheren Leben. Dafür erzählt sie viel zu offen von der Härte, den Grenzen und auch den Widersprüchen dieser Kulturen.

    Es ist eher die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Menschen ernst nimmt.

    Sie betrachtet sie nicht als Menschen, deren Leben erst aus einer westlichen Perspektive erklärt oder eingeordnet werden müsste. Sie beschreibt ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und ihre Art, ihre Umwelt wahrzunehmen genauso selbstverständlich wie ihre Regeln, Konflikte und Grenzen.

    Und wahrscheinlich kann sie gar nicht von außen auf diese Menschen schauen. Es sind die Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist. Diese Welt ist ein Teil von ihr.

    Das wird besonders deutlich, als sie viele Jahre später schwer krank nach Papua-Neuguinea zurückkehrt. Im Westen hat sie bereits eine lange Suche nach der Ursache ihrer Erkrankung hinter sich. Ärzte und verschiedene Behandlungen haben ihr nicht helfen können. Schließlich verbringt sie mehrere Jahre in Papua-Neuguinea und reist mit einem Freund zu unterschiedlichen Stämmen, immer auf der Suche nach jemandem, der weiß, was mit ihr geschehen ist und wie ihr geholfen werden kann.

    Dabei begegnet sie sehr unterschiedlichen Gemeinschaften. Und das fand ich ebenfalls faszinierend, weil dadurch schnell jede Vorstellung von „den Eingeborenen“ verschwindet.

    Die Lebensweisen unterscheiden sich teilweise erheblich voneinander. Das Zusammenleben von Männern und Frauen ist unterschiedlich organisiert, Sexualität hat eine andere Bedeutung, Regeln und Hierarchien unterscheiden sich. Und immer wieder wird deutlich, wie eng diese Lebensweisen mit den jeweiligen äußeren Bedingungen verbunden sind: mit der Landschaft, dem Klima, der verfügbaren Nahrung und mit dem, was Menschen an diesem Ort können müssen, um dort leben zu können.

    Mir ist beim Hören immer deutlicher geworden, wie sehr die jeweiligen Lebensbedingungen bestimmen, wie Menschen leben. Viel stärker, als uns das in unserer westlichen Welt vielleicht bewusst ist. Wetter, Landschaft, Nahrung und die Frage, was an einem bestimmten Ort zum Überleben notwendig ist, wirken darauf, wie eine Gemeinschaft ihr Zusammenleben organisiert, welche Fähigkeiten wichtig sind und was für die Menschen selbstverständlich ist.

    Das gilt natürlich auch für unsere Welt. Wir bemerken es bei uns nur weniger.

    Zwischen den Welten

    Am Ende des Buches wird noch einmal sehr deutlich, wie schwierig Sabine Kueglers eigene Position ist.

    Sie möchte eigentlich im Dschungel bleiben. Nach mehreren Jahren dort ist ihr die Rückkehr in die westliche Welt fremd geworden. Gleichzeitig leben dort ihre Kinder, zu denen sie während dieser Jahre kaum Kontakt hatte.

    Ein Schamane beschreibt sie an einer Stelle sinngemäß als halb weiß und halb melanesisch, halb Mann und halb Frau.

    Ich finde dieses Bild sehr treffend, gerade weil es sich einer eindeutigen Zuordnung verweigert.

    Sabine Kuegler ist als Kind in einer indigenen Gemeinschaft aufgewachsen und trägt vieles davon bis heute in sich. Gleichzeitig ist sie keine indigene Frau. Sie kommt aus der westlichen Welt und die ist ihr gleichzeitig in vielem fremd. Und selbst innerhalb der indigenen Welt passt sie nicht einfach in die dort vorgesehenen Rollen. Sie jagt. Etwas, das Frauen in vielen der Gemeinschaften, die sie beschreibt, nicht tun.

    Gegen Ende des Buches bekommt sie noch einmal die Erlaubnis eines Häuptlings, mit auf die Jagd zu gehen. Die Beschreibung dieser Jagd hat mich sehr berührt. Nicht, weil ich selbst den Wunsch hätte, mit Pfeil und Bogen durch den Dschungel zu ziehen. Sondern weil beim Zuhören spürbar wird, dass sie dabei mit einem Teil ihrer selbst in Berührung kommt, für den es in ihrem westlichen Leben kaum einen Ort gibt.

    Auch das Töten des Tieres erscheint dabei in einem völlig anderen Zusammenhang als der, den ich aus unserer Welt kenne. Das Tier wird getötet, weil sein Fleisch gebraucht wird, und ein Teil davon wird den Geistern als Dank gegeben. Beim Hören musste ich unwillkürlich daran denken, wie weit wir das Töten eines Tieres von unserem eigenen Fleischkonsum entfernt haben.

    Und trotzdem lautet die Antwort am Ende nicht: Dann gehört sie eben in den Dschungel.

    Das wäre vielleicht die einfache Auflösung dieser Geschichte.

    Aber ihr Freund hält ihr irgendwann etwas entgegen, das schmerzhaft ist. Auch ihr Wunsch, einfach dort zu bleiben, trägt etwas von der westlichen Welt in sich: den Anspruch des Individuums, sich das Leben zu nehmen, das es für sich selbst möchte. Ihre Kinder, ihre Beziehungen und ihre Verantwortung verschwinden nicht dadurch, dass sie einen Ort gefunden hat, an dem sich ein Teil von ihr zutiefst lebendig fühlt.

    Es kommt zu einer Eskalation. Sie verletzt ihren Freund mit einem Pfeil. Und weil ein solcher Angriff innerhalb der Gemeinschaft, bei der sie zu diesem Zeitpunkt leben, nicht sein darf, muss sie gehen.

    Auf diesem Weg beginnt für sie etwas klarer zu werden.

    Es gibt nicht die eine Welt, in die sie zurückkehren und endlich vollständig hineinpassen kann.

    Vielleicht muss das Dazwischen nicht verschwinden

    Ich glaube, das ist der Grund, weshalb ich dieses Hörbuch unmittelbar ein zweites Mal hören wollte.

    Wir verbinden Klarheit oft mit der Vorstellung, dass die Widersprüche irgendwann verschwinden und wir eindeutig wissen, wo wir hingehören und was für uns richtig ist.

    Sabine Kueglers Geschichte lässt diese Eindeutigkeit nicht zu.

    Beide Welten gehören zu ihr. Beide haben sie geprägt. In beiden ist ihr etwas zutiefst vertraut und in beiden bleibt ihr etwas fremd.

    Was von außen wie ein Widerspruch aussieht, lässt sich nicht auflösen, indem sie sich endlich für eine Seite entscheidet.

    Vielleicht muss das Dazwischen gar nicht verschwinden.

    Vielleicht besteht Ankommen manchmal nicht darin, endlich den einen Ort zu finden, an dem alles passt. Vielleicht beginnt es dort, wo wir erkennen können, was alles zu uns gehört, welche Bedingungen uns geprägt haben und unter welchen Bedingungen wir heute leben.

    Und manches davon passt nicht widerspruchsfrei zusammen.

    Das lässt sich nicht immer auflösen. Vielleicht muss es das auch nicht. Es bleibt diese Uneindeutigkeit, die sich weder vereinfachen noch schönreden lässt.